Fifty Shades of Green – Warum wir dem Schwarz-Weiß-Denken ein Ende setzen sollten

Der ehemalige Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, drückte es in seiner damaligen Rede auf dem UN-Klimagipfel treffend aus, als er sagte “Damit nachhaltige Investitionen wirklich zum Mainstream werden, müsse man mehr tun, als unverbesserlich braune Industrien auszuschließen und neue, tief grüne Technologien zu finanzieren. Nachhaltige Investitionen müssen als Katalysator dienen und alle Unternehmen unterstützen, die an der Umstellung arbeiten.” Er prägte in diesen Zusammenhang den Ausdruck “Fifty Shades of Green”.

Um unsere ambitionierten Klimaziele zu erreichen, sollten Unternehmen unterstützt werden, die auf umweltfreundlichere Geschäftsmodelle umstellen. Einige Investoren und Zertifizierungsstellen übersehen aber CO2 intensive Branchen, obwohl diese erhebliche Fortschritte bei der Emissionssenkung machen. Um die richtigen Anreize zu schaffen, sollten wir jedoch bereit sein, Investitionsprojekte in Betracht zu ziehen, die prinzipiell zu einer Nettoreduzierung beitragen.

Schwarz-Weiß führt in die Katastrophe

Für viele Anleger kommen beim grünen Investieren lediglich Unternehmen mit geringen oder gar keinen Emissionen in Frage. Unsere moderne Wirtschaft basiert aber zum erheblichen Umfang auf fossilen Brennstoffen. Dies wird sich nicht ändern, wenn nicht langfristig und konsequent gehandelt und nach und nach Praktiken bzw. sogar ganze Branchen geändert werden. Die Dekarbonisierung kann sonst kaum gelingen und ein katastrophaler Klimawandel wäre unausweichlich. Nur der Glaube, dass die Einbehaltung von Kapital ausreicht, um Unternehmen zu Veränderungen zu zwingen, ist nicht genug. Da die Zertifizierungsstellen für grüne Anleihen viele Projekte nicht anerkennen, können Unternehmen, die auf eine umweltfreundlichere Betriebsführung umstellen, damit nicht in vollem Umfang von der Gemeinschaft der nachhaltigen Investoren unterstützt werden. Effektiver erscheint daher ein Entgegenkommen.

Unstimmigkeiten bei der Zertifizierung werfen Fragen auf

Man erinnere sich an die Kontroverse, die auf dem Markt für grüne Anleihen ausgelöst wurde, als das spanische Energieunternehmen Repsol im Jahr 2017 eine grüne Anleihe zum Thema “Effizienz” auflegte. So sollten nach eigenen Angaben die Maßnahmen zu einer CO2-Einsparung von 1,4 Tonnen pro Jahr, was ungefähr der Verschrottung von 300.000 Autos entspricht, führen. Die Menge des vermiedenen Kohlendioxids war also erheblich. Dennoch wurde die Anleihe aber von den großen Green Bond-Indizes ausgeschlossen, nachdem unter anderem die Non-Profit-Organisation Climate Bonds Initiative (CBI) kritisiert hatte, dass sich dadurch nichts am Geschäftsmodell des Unternehmens ändern werde und nur marginaler Fortschritt zu erwarten sei.

Als die Russische Eisenbahn im Mai 2019 hingegen eine grüne Anleihe in Höhe von 500 Millionen Euro ausgab, um bestehende elektrische Personenzüge durch neue zu ersetzen, gab es kaum Anzeichen, dass die Mittel für den Übergang zu einer umweltfreundlicheren Zukunft verwendet werden. Das Management der Russischen Eisenbahn gab zu, dass es sich von dieser Investition keinen nennenswerten Anstieg der Fahrgastzahlen versprach und die Effizienzverbesserungen waren nur bescheiden. Darüber hinaus erwirtschaftet die Russische Eisenbahn einen Großteil ihrer Einnahmen im Güterverkehr, davon vor allem mit Kohle und Ölprodukten. Das Unternehmen ist also in hohem Maße vom Transport fossiler Brennstoffe abhängig. Trotzdem reichte die “Umweltfreundlichkeit” der elektrischen Züge aus, um der Anleihe die Zertifizierung der Climate Bond Initiative zu verleihen.

Die CBI genießt zu Recht den Ruf, das Wachstum und die Glaubwürdigkeit des Marktes für grüne Anleihen – und der nachhaltigen Finanzierung im Allgemeinen – zu fördern, doch dieser Fall verdeutlicht das Risiko, in starres Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen. Solche Ungereimtheiten bei der Behandlung von kohlenstoffintensiven Emittenten können den Prozess der Kennzeichnung grüner Anleihen unter Umständen untergraben und falsche Anreize schaffen.

Kapitalbeschränkungen sind nicht immer wirksam

Sektorspezifische Ausschlüsse mit der Absicht, externe Kapitalströme vollständig einzuschränken, erscheinen unwirksam. Selbst wenn zum Beispiel Investoren den Ölkonzernen ihr Kapital entziehen, würde dies kurzfristig kaum etwas an der Entwicklung des Klimas auf unserem Planeten ändern. Diese Unternehmen haben wiederholt bewiesen, dass sie alle Arten von Umwälzungen überstehen können und in der Lage sind, ihr eigenes Kapital zu generieren. Sie können weiterwachsen, indem sie die Betriebskosten senken, die Dividenden kürzen oder sich konsolidieren, um Gemeinkosten und Doppelinvestitionen zu sparen. Sie könnten ihre Investitionen auch auf Projekte mit kürzeren Vorlaufzeiten und einer reaktionsschnelleren Versorgungsfunktion wie Schieferöl umleiten, anstatt sich mit großen, milliardenschweren Offshore-Projekten zu verausgaben. Selbst wenn die Ölgesellschaften ihre Ausgaben kürzen, um den Cashflow zu erhalten und das Ölangebot infolgedessen zurückginge, würde der Preis als Reaktion darauf schnell steigen und die Investitionen eventuell sogar wieder zunehmen, um die Nachfrage zu decken. Es besteht zudem die Gefahr, dass höhere Kapitalkosten höhere potenzielle Renditen für diejenigen bedeuten, die Kapital zur Verfügung stellen, sodass es für einige weniger zukunftsorientierte Anleger nur noch attraktiver ist, in diesen Sektor einzusteigen. Solange es eine Nachfrage gibt, wird weiter gefördert – dies ist der Kern des Problems.

Der Übergang ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen Zukunft

Beim Ausschluss fossilintensiver Industrien ignorieren aber einige Investoren die Nachfrageseite der Gleichung. So hatte zum Beispiel Repsol mit ihren grünen Anleihen erhebliche Anstrengungen unternommen, um die eigene Nachfrage nach Öl zu senken. Dies war ein echter Fortschritt bei der Reduzierung von Emissionen. Um unsere globalen Ziele zu erreichen, brauchen wir einen integrativen Ansatz, der die richtigen Anreize bietet. Die Anerkennung der Rolle von Unternehmen, die zu nachhaltigeren Geschäftsmodellen übergehen – und deren Belohnung – ist dabei ein entscheidender Schritt zur Erreichung dieser Klimaziele. Derzeit finden leider jedoch zu viele Umstellungsinitiativen nicht die nötige Unterstützung. Ein wichtiger Schritt könnte daher die Auflegung so genannter Transition Bonds sein. Diese Anleihen verwenden Leistungsindikatoren, um das Investitionsergebnis zu verändern. Sollten vereinbarte Emissionsziele nicht erreicht werden, erhöhen die Bedingungen der Anleihe die Auszahlung, wodurch sich die Finanzierung dynamisch verteuert und somit ein Anreiz zur Dekarbonisierung geschaffen wird. Das kann ein wichtiger Meilenstein in der Branche für nachhaltige Investitionen sein und bietet einen alternativen Finanzierungsweg zum starren grünen Zertifizierungsprozess.

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