Der Inflationsdruck nimmt zu

Lieferengpässe, Chip-Mangel, Rohstoffpreise und gestiegene Nachfrage nach Konsumgütern lassen Preise global in die Höhe schnellen. Plötzlich kommt der Druck von allen Seiten. Können es sich die Notenbanken leisten, so gelassen zu bleiben?

Der deutsche Zeitgeist ist bis heute nachhaltig stark geprägt von der Hyperinflation der 20er Jahre. Doch nicht nur bei uns erreichen Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln, Energieprodukten und Computerchips eine erhöhte Aufmerksamkeit: Auch in den USA gerät das Phänomen der Inflation nach jahrzehntelanger Abstinenz wieder in den Fokus von Politik und Presse. Noch Ende Juli titelte die New York Times „Die Inflation ist da, aber Washington versucht nicht, die Preisexplosionen zu begrenzen“.

Sehr gut lässt sich dies an den längerfristigen Entwicklungen der Year-over-Year Zahlen zur Verbraucherpreisinflation veranschaulichen. Bemerkenswert ist, dass Produzentenpreise, welche als Vorläufer für Inflation gedeutet werden, noch stärker in die Höhe schnellen und bei +8,3% gegenüber Vorjahr liegen (Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen):

Alles kein Problem so lange die Wirtschaft brummt. Oder tut sie das etwa nicht mehr?

Bei der Frage, ob die Wirtschaft brummt oder nicht, ist es sinnvoll einen Blick auf die Konjunkturdaten zu richten. Besonders wichtig dabei ist wie Daten zur Stimmung in der Industrie, Stellenaufbau etc. erwarten und wie sie dann tatsächlich berichtet werden. Genau dies tun die „Citi Economic Surprise“ Indizes. Notiert der Index über null, so kommen Konjunkturdaten besser rein als von den Analysten erwartet. Notiert der Index dagegen im negativen Bereich enttäuschen konjunkturelle Daten gegenüber der gesteckten Erwartung.

Diesen Index gibt es auch bezogen auf Preisdaten. Überraschen Preisentwicklungen gegenüber den Erwartungen nach oben, so springt der „Citi Inflation Surprise“ Index über die Nulllinie.

Wie hier sehr gut zu sehen ist enttäuschen Konjunkturdaten in den USA in der Breite seit ca. 2 Monaten, während die Inflation deutlich nach oben überrascht (Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen):

Soll heißen, dass sich die Wirtschaft wesentlich weniger gut entwickelt als prognostiziert, während die Inflation an Fahrt aufnimmt. Das Schreckgespenst der „Stagflation“ nimmt also Gestalt an: Eine Wortfindung aus Stagnation und Inflation.

Wie reagiert der Mann auf der Straße?

Die Unsicherheit wächst. Besonders beim Verbraucher. Denn nun kommen zu einer nicht enden wollenden Corona-Pandemie über die Delta-Variante auch noch Sorgen über Preissteigerungen in der Breite der Bevölkerung an. Den wichtigsten Datenpunkt liefert hier wohl das US-Verbrauchervertrauen gemessen von der University of Michigan. Dies sank kürzlich auf den tiefsten Stand seit 2012 und damit deutlich unter das Niveau von März 2020.

Laut Federal Reserve und EZB ist die aktuelle Inflationswelle nur „vorrübergehend“ – aber stimmt das?

Europäische Zentralbank (EZB) und Federal Reserve in den USA sind mit gebetsmühlenartiger Rhetorik darum bemüht die aktuellen Preissteigerungen als „transitory“, zu Deutsch vorrübergehend, abzutun. Mit Blick auf die Nachholeffekte der Pandemie, dem aktuellen Chip-Mangel und den extrem gestiegenen Rohstoffpreisen durchaus plausibel.
Doch auch hier mehren sich die Warnhinweise, dass die Inflation weniger „transitory“ sein könnte als erhofft:

  1. Auf der letzten Pressekonferenz der EZB nahm das Thema der Zweitrundeneffekte eine zentrale Rolle ein. Hierbei handelt es sich vorwiegend um Lohnsteigerungen, welche wiederum die Margen der Unternehmen und damit im Endeffekt die Preise von Produkten erhöhen könnte. Aktuell gibt es hier zwar keine bemerkenswerten Entwicklungen, aber Lohnsteigerungen in den USA und in Europa nehmen an Fahrt auf.
  2. Nestlé CFO Roger äußerte sich auf einer Konferenz für Basiskonsumgüter von Barclays: „Wenn wir von 2022 sprechen, ist es wahrscheinlich, dass die Inflation der Inputkosten im nächsten Jahr höher sein wird als in diesem Jahr“.
  3. Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble äußerte sich kürzlich ungewohnt scharf: „Es gibt keinen für einen normal denkenden Menschen nachvollziehbares Argument warum die Inflation notwendigerweise vorrübergehend sein soll.“

Können es sich die Notenbanken leisten so gelassen zu bleiben?

Bei der Frage, ob die Notenbanken so gelassen bleiben können, möchte ich gerne den Allianz Chief Economic Advisor und Präsidenten des englischen Queens‘ College Mohamed El-Erian zitieren: „Der Preisdruck kommt von allen Seiten […], die Fed sollte lieber jetzt schneller handeln als später voll auf die Bremse hauen zu müssen.“

Die Höhe und der Pfad der Inflation, als auch die sich daraus ableitenden Handlungen der Notenbanken, werden das Kapitalmarktgeschehen maßgeblich beeinflussen. Es wird also spannend in den nächsten Monaten!

Hamburg, 15.09.2021

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