Challenge accepted! – Die Modellierung von Klimarisiken bleibt eine Herausforderung

Am 01. Juli wurde der Bericht des European System Risk Boards (ESRB) zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Stabilität an den Finanzmärkten veröffentlicht. Im Ergebnis liegt die Herausforderung der quantitativen Bewertung der Auswirkungen klimabedingter Risiken in der Analyse der Verteilung der Risiken zwischen Regionen, Sektoren und Finanzunternehmen. Zudem sind Risiken aufgrund des langen Zeithorizonts und aufgrund der bisher beispiellosen Wirkungsmechanismen mit den bisherigen Verfahren nur unzureichend zu bewerten. Es sind vorausschauende Modelle zu entwickeln, deren robuste Kalibrierung eine statistische Herausforderung ist.

Physische und transitorische Risiken weisen deutliche Risikokonzentrationen auf

Die physischen Auswirkungen des Klimawandels sind stark von der geographischen Lage abhängig. Die Bewertung der physischen Anfälligkeit von Regionen, Sektoren und Finanzinstituten macht eine Verknüpfung von geographischen Gefahren mit wirtschaftlichen und finanziellen Exposures erforderlich. Transitorische Risiken lassen sich nur dann robust abschätzen, wenn die Emissionen der gesamten Wertschöpfungskette berücksichtigt werden können, also inklusive der nachgelagerten Emissionen. Aus Sicht des ESRB werden bei der Analyse drei Arten von Risikokonzentrationen wesentlich:

Erstens weisen physische Exposures hohe regionale Konzentrationen auf. Der Bericht stellt insbesondere Risiken durch Flussüberschwemmungen als den zentralen Risikotreiber für die nächsten zwei Jahrzehnte heraus. Auch Waldbrände und Hitzestress werden als relevante Treiber genannt. Hinzu kommen Probleme die durch den für die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts zu erwartenden Anstieg des Meeresspiegels entstehen. Die regionale Konzentration physischer Risiken kann insbesondere für schwächer kapitalisierte Finanzinstitute ein existenzielles Problem werden. Zudem sind regional konzentrierte Risikoexposures mit klassischen Absicherungsinstrumenten kaum beherrschbar. Physische Sicherheiten sind oftmals ähnlichen Risiken ausgesetzt und fallen ggf. ebenfalls aus. Versicherungen kommen bei zu erwartenden systemischen Schocks ebenfalls an ihre Grenzen und stehen nicht zu ökonomisch vernünftigen Konditionen zur Verfügung.

Zweitens sind transitorische Risiken nicht nur zwischen den Sektoren, sondern auch innerhalb von Sektoren stark konzentriert. Dies kann insbesondere dann zu starken Verlusten führen, wenn die Finanzmärkte eine Neubewertung der klimabezogenen Exposures vornehmen.
Drittens sind klimabezogene Risikoexposures auf wenige Finanzinstitute konzentriert. Die Analyse des ESRB zeigt, dass 70% des Kreditexposures in Unternehmen mit hohem physischen Risikopotenzial bei lediglich 25 Kreditinstituten liegt.

Szenarioanalysen zeigen ein großes aber beherrschbares Risikopotenzial des Klimawandels

In langfristigen Szenarioanalysen arbeitet das ESRB die finanziellen Auswirkungen einer nicht rechtzeitigen oder nicht effektiven Reaktion auf die Herausforderungen des Klimawandels heraus. Wenn es nicht gelingt der globalen Erwärmung entgegen zu wirken, können sich die finanziellen Auswirkungen – trotz aller bestehenden Ungenauigkeiten und des langen Zeithorizonts der Analyse – auf bis zu 20% des globalen BIP bis zum Endes Jahrhunderts akkumulieren.

Für die Finanzmärkte insgesamt geht das ESRB aber davon aus, dass die Risiken des Klimawandels beherrschbar sind. So erwarten die Autoren des Berichts im Bankensektor beispielsweise einen klimabedingten Verlust im Kreditportfolio von 1,6 bis 1,75% der Risk Weighted Assets in den nächsten 30 Jahren. Dieser Verlust liegt ungefähr bei der Hälfte der in Stresstests üblicherweise angenommenen Verluste. Die Herausforderungen für den Bankensektor dürften also eher in der Risikokonzentration als im Gesamtexposure liegen.

Modellierung klimabezogener Risiken bleibt eine große Herausforderung

Messung und Modellierung klimabedingter Risiken haben in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht, dennoch sind hier noch deutliche Schritte notwendig:

Die Messung physischer Risiken hängt stark von der Verfügbarkeit relevanter und vergleichbarer Daten zu lokalen Risikoexposures ab. Transitorische Risiken lassen sich nur bewerten, wenn Daten zu historischen sowie prognostizierten Emissionen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg vorliegen. Hier bestehen noch deutliche Datenlücken auf allen Ebenen. Auf absehbare Zeit bleiben daher private Datenanbieter und deren Schätzungen eine wichtige Quelle, bis Daten von den Unternehmen selbst in hinreichender Granularität und Qualität veröffentlicht werden.

Auch der Schritt von der Messung der relevanten Eingangsdaten zur Modellierung der ökonomischen und finanziellen Konsequenzen klimabezogener Risiken für die Unternehmen und die Finanzmärkte ist noch nicht abschließend vollzogen. Insbesondere besteht nach Ansicht des ESRB noch Forschungsbedarf hinsichtlich des Transmissionsmechanismus von der Realwirtschaft in das Finanzsystem sowie in Bezug auf die zeitlichen Abläufe. Auch die Wirkungen von Maßnahmen des Klimaschutzes auf die physische und die ökomische Risikosituation ist noch nicht ausreichend erforscht. Die Empirie bietet laut ESRB aber bereits eine gute Grundlage, um die bestehenden Risiken zu verstehen und die politische Diskussion zu unterstützen.

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